von Arne Keunecke

Wir erarbeiten gerade eine virtuelle Ausstellung für das Auswärtige Amt zur Agenda “Frauen, Frieden und Sicherheit“. Vor Kurzem haben wir die Online-Ausstellung #StolenMemory für die Arolsen Archives fertiggestellt.

Durch Corona hat es gerade ein Museum besonders schwer, sein Publikum zu erreichen. Deswegen bauen gerade viele Museen ihr digitales Angebot aus. Für unsere Projekte haben wir geschaut, was es gerade gibt und was besonders gut funktioniert – oder eben nicht ;)

Virtuelle Räume

Richtige virtuelle Räume sind seit Jahrzehnten der Traum vieler Nerds. Immer wieder wird es versucht (Second Life, Playstation VR, Oculus), und immer wieder scheitert es.

Mein Gefühl ist, dass die Technik noch länger braucht. Nichts­des­to­trotz liegt es bei Ausstellungen scheinbar auf der Hand, es trotzdem zu versuchen.

Digitale Kunsthalle – ZDF

Die digitale Kunsthalle ist sicher eine schöne und gute Idee vom ZDF, die mit viel Liebe und Energie vorangetrieben wird. Hier werden echte Räume monochromatisch nachgebaut, die man – ähnlich wie bei Google Earth – durchwandern kann. 

Leider funktioniert zum Beispiel die virtuelle Ausstellung zu Max Beckmann nicht wirklich. Der Raum erscheint seltsam steril und die Bilder wirken wie Fremdkörper. 

Besser sieht es schon bei der ZKM-Ausstellung “Berechenbar – Unberechenbar” aus: Wir befinden uns in einer großen, hellen Halle. Die Visualisierungen sind dynamisch und farbenfroh. Die eigentlichen Inhalte werden aber sehr generisch dargestellt und der Text macht auch keine Lust aufs Lesen.

The Frick Collection – A Virtual Exhibition

Ein zweites Beispiel für virtuelle Räume ist die Frick Collection. Hier werden die echten Räume durch 3D-Fotografie (Matterport) dargestellt. Der Vorteil ist natürlich, dass das Interieur zu den Exponaten passt und kein Bruch entsteht. Leider ist die Zoom-Funktion sehr begrenzt und man kommt den Kunstwerken nicht wirklich nah. Auch werden keine Zusatzinformationen angeboten.

Ich denke, es ist ein guter Weg schnell online zu sein, aber langfristig kann die 1:1 Abbildung echter Räume nur eine Brückentechnologie sein, da hier die Tiefe fehlt.

Übrigens bietet Google diverse Ausstellungen unter artsandculture.google.com/ an und sogar das Louvre in Paris kann hier begangen werden.

Das Deutsche Museum biete viele virtuelle Rundgänge mit Informationen an: virtualtour.deutsches-museum.de

One-Pager / Landing-Page

Der Vorteil von One-Pagern und Landing-Pages liegt auf der Hand: Man kann wunderbar monothematisch arbeiten. Das heißt nicht, dass es keine Tiefe haben muss.

Virtuelle Ausstellungen der Deutsche Nationalbibliothek

Die deutsche Nationalbibliothek in Berlin hat derzeit acht virtuelle Ausstellungen im Angebot. Sie nutzen, ähnlich wie das ZDF, immer das gleiche System. Allerdings verzichten sie auf den virtuellen Raum. Die Exponate und Informationen werden gut eingebunden. So kann man sich konzentriert vertiefen – wenn man will. 

Für mich ist es eher ein interaktives kuratiertes Archiv als eine Ausstellung. Warum? Weil sich jede Ausstellung letztlich ähnlich ist und keine emotionale Bindung entsteht.

Virtuelle Ausstellungen der Deutsche Nationalbibliothek

Virtuelle Ausstellung “Leben am Toten Meer” des smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

Diese Ausstellung ist ein One-Pager, also eine Website, die alles auf einer einzigen Seite darstellt. Die Exponate werden liebevoll und individuell eingebunden und es gibt viele Möglichkeiten der Interaktion und Vertiefung.

Eine Besonderheit, die ich noch oft gesehen habe, ist eine Version in einfacher Sprache! Das ist wirklich vorbildlich, genauso wie die kontrastreiche Einstellungsmöglichkeit.

“Once in a Lifetime” Ausstellung über Pieter Bruegel – Kunsthistorisches Museum Wien

Die Website macht sehr viel richtig. Sie nutzt alles, was eine Website ausmacht ohne, dass es um die reinen Effekte geht. Sie macht Spaß und zieht den Nutzer in die Welt von Pieter Bruegel und das über ganz unterschiedliche Medien (Text, Bild, Animation, Experten-Videos).

Gleichzeitig bietet das Web-Projekt ein Tiefe, die viele virtuelle Ausstellung vermissen lässt.

The Museum of The World – British Museum

Ich liebe alles, was als Zeitstrahl dargestellt wird. Das Universum vom Urknall bis heute, alle Wikipedia-Artikel chronologisch sortiert oder die Geschichte der Popmusik. Das Britische Museum hat sich der Kulturgeschichte angenommen. Einziger Haken dieser interaktiven Darstellung: es funktioniert nicht wirklich auf dem Smartphone.

State of the Art

Die folgenden Beispiele sind die Speerspitze. Jedes hat seinen besonderen Reiz und ist so einzigartig.

Witnesses to History –  Keepers of Memory

Die Ausstellung des Montreal Holocaust Museum zeigt Fotos, Erinnerungsstücke und Audio-Interviews von Holocaust Überlebenden und ihren Angehörigen. Die gesamte Darstellung ist sehr wertig inszeniert, fotografiert und fein animiert. Für mich ein exelentes Beispiel für eine digitale Ausstellung.

365 Days of Daily Drawing – Julia Zass

Julia Zass zeigt hier wie gut es gelingen kann, Analoges im Digitalen darzustellen. Die klare und simple Seite ist trotzdem verspielt und hat ein gutes Gewicht zwischen Text und Illustration. Toll!

Four Miles – Miles Davis

Diese Ausstellung ist eine rein virtuelle Ausstellung. Und das merkt man auch. Sie ist durch und durch digital und nutzt die Medien virtuos. Hier passt alles Typografie, Illustration, Animation und Interaktion. Würde ich Miles Davis nicht schon lieben, würde ich es jetzt tun :) 

Besonders gut funktioniert diese Website auch auf dem Smartphone.

Weitere gute Beispiele zum Thema “virtuelle Ausstellung”:

Desire, love and identity – britishmuseum.org/desire-love-and-identity

Der Pergamonaltar – smb.museum/pergamonaltar

Soviet Design – soviet-design.com

Vincent van Gogh FAQ’s – vangoghmuseum.nl/vincent-van-gogh-faq

Fazit

Die Frage ist, was genau eine virtuelle Ausstellung eigentlich ist. Die Beispiele oben zeigen, dass es da keine einheitliche Antwort geben wird. Jedes Museum muss eigene Antworten finden und klären welches Format zur Zielgruppe und zum Budget passt.

Am Ende ist es ein bisschen traurig, wie wenig im Bereich virtuelle Ausstellung bis jetzt angeboten wird und wie wenig experimentiert wird. Das Potenzial ist ja immens und die Technik wäre auch so weit.

Digitalisierung - Katja Berlin

Hier gilt die Grafik von Katja Berlin weltweit ;)

Ich bin ganz sicher, dass sich Digitalisierung auch hier ihren Weg bahnen wird und wir bald mehr tolle Beispiele sehen werden, die uns Kunst und Kultur auch zu Hause näher bringen wird.

Eine ganz schöne Quelle für Informationen rund um das Museum der Zukunft findet man bei museumnext.com und wenn du mehr über interaktive Website wissen willst ließ unseren Arikel: Die besten Scrollytelling Beispiele.