von Mona Loch

Zu Beginn meines Studiums habe ich im ersten Semester eine Lehrveranstaltung namens ‚Designgeschichte‘ besucht. In dieser Vorlesung ging es hauptsächlich darum, uns Erstis einen kleinen Einblick in die Welt des Grafikdesigns zu geben. Zum Ende des Semesters – nach wohlgemerkt vier Monaten Vorlesung – sollte jeder Studierende ein Vorbild aus der Designgeschichte wählen und einen Kurzvortrag vorbereiten. Es fielen Namen wie: Otl Aicher, Stefan Sagmeister, Paul Rand, Erik Spiekermann oder Max Miedinger. Allesamt große Grafikdesigner.

Die Betonung auf der Endung – wir hatten es tatsächlich in mehr als 15 Vorlesungen geschafft, uns mit keiner einzigen GrafikdesignerIN zu beschäftigen. Wie soll man da als angehende*r Designer*in ein weibliches Vorbild im Design finden?

Verhältnisse

In meinem Studiengang gibt es tatsächlich deutlich mehr Studentinnen als Studenten – und das ist heute kein Einzelfall. Eigentlich ein gutes Zeichen möchte man meinen. Wirft man jedoch einen Blick auf die andere Seite, nämlich die der Professor*innen, stellt man fest, dass hier der Anteil an Männern überwiegt – auch wiederum kein Einzelfall.

Selbst internationale und renommierte Wettbewerbe beziehungsweise Kollektive werden vor allem von männlichen Designern dominiert. Ein Beispiel die Mitglieder des Art Directors Club (ADC). Unter ca. 700 Auserwählten lassen sich nur um die 150 Frauen finden.

Riesen-Ego gleich Riesen-Erfolg?

Doch was sagt das über die Welt des Designs aus? Viele Designerinnen stehen im Schatten ihrer Vorgesetzten. Aber braucht man wirklich ein Riesen-Ego um auch einen Riesen-Erfolg zu haben? Stefan Sagmeister hat das 1999 gut vorgemacht, indem er sich selbst als Plakat inszenierte und die Typografie direkt in seine Haut ritzte.

Was dabei in Vergessenheit geraten ist: bereits fünf Jahre zuvor hatte die amerikanische Künstlerin Catherine Opie eine ähnliche Aktion gestartet. Sagmeister bestätigte zwar die Inspiration durch Opie, doch in Erinnerung bleibt lediglich seine Handschrift.

Women in graphic design 1890-2012

WO SIND DIE GRAFIKDESIGNERINNEN? 1

An diesen Vorfall lassen sich noch weitere reihen. Allerdings sollen hier die Frauen im Mittelpunkt stehen. Was wird also heute getan, um Designerinnen ins Licht zu rücken? Eine Publikation, die bei mir hängen geblieben ist, ist das Buch Women in Graphic Design 1890-2012. Ein 600-seitiges Werk, verfasst von Gerda Breuer und Julia Meer, welches schlichtweg Arbeiten von Grafikdesignerinnen präsentiert. Unterstützt wird das Ganze von Interviews und Artikeln und gibt allgemein einen guten Einblick in die Geschichte der Frauen im Grafikdesign.

Notamuse

WO SIND DIE GRAFIKDESIGNERINNEN? 2

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Eine weitere Quelle, um sich über das Thema zu informieren, ist die Website notamuse. Ein Projekt dreier Studentinnen, die sich mehr weibliche Vorbilder im Grafikdesign wünschen und aus diesem Antrieb heraus mit verschiedensten Frauen aus der Szene 22 Interviews geführt haben. Alles verpackt in einer tollen Website, inklusive weiterführenden Links zu noch tolleren Netzwerken und Plattformen.

LADIES, WINE AND DESIGN

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Um den Kreis zu schließen zum Abschluss noch ein Projekt aus dem Umfeld Stefan Sagmeisters. Die Designerin Jessica Walsh gründete 2015 die non-profit Initiative Ladies, Wine & Design. Ein Aufruf zur Chancengleichheit, bei der Designerinnen in heute mehr als 200 Städten zu regelmäßigen kostenlosen design-relevanten Events zusammenkommen. Und das Beste daran: es gibt Merch.

Verbreitet wird das Ganze über verschiedene Social-Media Kanäle. So bin auch ich auf die Aktion aufmerksam geworden und durfte mit Freude feststellen, dass es in meiner Stadt ebenfalls eine kleine Gruppe an Ladies mit Wein und Interesse an Design gibt.

Und nun?

Nachdem die Frage „Wo sind die Grafikdesignerinnen?“ hoffentlich geklärt wurde, heißt es nun unterstützen und darauf Aufmerksam machen! Vielleicht gibt es ja auch in deiner Stadt nette Ladies mit Wein? Oder du klickst dich einfach mal durch die Website notamuse und liest Geschichten aus erster Hand. Wie auch immer du dich informierst, Hauptsache wir müssen uns in Zukunft nicht mehr die Frage stellen, wo denn eigentlich die Frauen im Grafikdesign abgeblieben sind.